(1) Das Konto der Sonne

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Chroniken aus dem Fürsorgeministerium - Wir blicken auf eine mögliche Zukunft zurück - Episode 1 -

Als Clara Mendel an einem Morgen die Einladung im Briefkasten fand, glaubte sie an einen Irrtum. „Sie haben ein Guthaben im Fürsorgeregister“, stand dort. Kein Betrag, keine Zinsen, nur eine Einladung mit Datum: Kommen Sie zu unserer Einweihung am Frühlingsanfang. Eine Wegbeschreibung war beigefügt.

Clara stutzte, „Sicherlich wieder so ein Scherz“, murmelte sie – ohne groß nachzudenken, zerknüllte sie den Brief und warf ihn in den Papierkorb, der neben ihrem Schreibtisch stand. Dort schlummerte die Einladung einen ganzen Winter lang zwischen alten Rechnungen, Zeitungen und Apothekenquittungen.

Acht Wochen später traf sie Frau Keller aus dem dritten Stock. Sie berichtete ihr, dass ein Referat gegründet worden sei, in der Pflegezeit, Nachbarschaftshilfe und andere Projekte eine eigene Währung erhalten hätten. "Ob das etwas mit der skurilen Einladung zu tun hat, die ich vor kurzem erhalten habe?" Clara grübelte und kramte schließlich den zerknüllten Brief aus ihrem Papierkorb hervor, um ihn nocheinmal zu lesen. Sie kam zu dem Schluss: "Vielleicht sollte ich die Einladung doch annehmen."

Am Nachmittag des 21. März machte Clara sich auf den Weg. Das Haus, das sie suchte, lag hinter dem alten Stadtpark, gut geschützt und verborgen hinter dichten Efeu-Ranken. Über der Tür hing eine schlichte Leuchttafel: "Zentrale Bank der Zuwendung“.


"Mmh, ein großer Name", dachte sie, auch wenn der Anblick des Hauses keinen sonderlichen Eindruck auf sie machte. Sie wollte klingeln. Doch in der gleichen Sekunde bemerkte sie, dass die Tür offen stand. Sie trat ein. Im Inneren roch es nach Holz und Lavendel. Eine junge Frau hinter dem Tresen lächelte und fragte. „Haben Sie ein Konto bei uns?“

Clara nickte zögernd und sagte: "Ja, ich glaube schon. Ich habe diese Einladung von Ihnen erhalten." Sie legte den Brief auf den Tresen. Die Frau schiebt den Brief auf eine Messingplatte. Ein leises Klicken, dann leuchteten Zahlen auf – keine Summe, sondern Zeitangaben: 23 Jahre, 7 Monate, 12 Tage, 3 Stunden und 44 Minuten – eingezahlte Fürsorgezeit. „Das ist unmöglich“, flüsterte Clara. "Ich meine, woher wollen Sie das so genau wissen?"

"Wir haben neue Systeme installiert, die uns in Millisekunden alle erforderlichen Datensätze komprimiert zusammen tragen. Sie sehen ja, es funktioniert einwandfrei." "Mir war nicht bewusst, dass ich so viel Zeit mit Fürsorge verbracht habe", erwiderte Clara. "Fast mein halbes Leben." Sie hielt einen kurzen Moment inne. "Jetzt, wo ich das sehe, erschrecke ich fast ein wenig. Ich habe das nie berechnet, ich war einfach da für meine Kinder, meine Eltern, meinen Mann, wenn ich gebraucht wurde. Wie schnell doch die Zeit vergeht."

„Ooh, da kann ich sie beruhigen, Frau Mendel. Mit dieser Erfahrung sind sie nicht allein. Viele unserer Bankkund:innen berichten uns das“, sagte die junge Frau. "Sie wissen oft gar nicht, wieviele Einlagen sie schon erbracht haben. Aber bitte entschuldige Sie mich für eine Sekunde, ich muss im Hinterzimmer nach dem Rechten sehen. Schauen Sie sich doch ein wenig um. Machen Sie es sich gemütlich. Ich komme später zu Ihnen und erkläre Ihnen, was wir hier machen und wie es weitergeht. Machen Sie es sich gemütlich."

Noch bevor Clara antworten konnte, schloss sich die Tür des Hinterzimmers und die junge Dame war verschwunden. Plötzlich fiel Tageslicht in den Raum, in dem Clara nun etwas verloren allein dastand. Sie nahm die Größe des Empfangraumes wahr. Es war ein heller, großzügiger Raum, von dem weitere Nebenräume abgingen. Ihre Flügeltüren waren weit geöffnet und es drangen viele Stimmen daraus hervor – Stimmen, wie es schien, von Menschen aller Altersgruppen, die lachten, zeichneten und zu rechnen schienen.

Auf der Kopfseite des Empfangraumes sah sie eine große Uhr, deren Zeiger rückwärts liefen. Darunter stand: „Zeit, die gegeben wurde, kehrt als Licht zurück.“ Clara schritt zu einem Nebenraum links neben ihr. Vielleicht, dachte sie, war das die Bilanz, die ihr im Leben immer gefehlt hatte. Als sie an einem Café-Tisch mit gemütlichen, gepolsterten Sesseln Platz nahm, schien die Sonne durch das Glasfenster – hell, wie eine erste Gutschrift.

🌸 Fortsetzung folgt in Episode 2 - "Der Algorithmus des Vertrauens"

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